Dein Dia-Show-Widget ist konfiguriert, sodass dir alle archivierten Images und Videos zufällig, aber nur einmal, gezeigt werden. So guckst du dich auf dem Display deiner Unit durch dein Leben, jeden Tag ein bisschen mehr. Jetzt siehst du dich selbst auf einem Bild.
Dir fällt die schlechte Qualität des Bildes auf. Du hast eine Mütze auf und trägst eine schwarze Jacke und guckst in die der Kamera abgewandten Richtung. Du stehst auf dem Hermannplatz, bei dem tanzenden Paar, das sich früher um sich selbst drehte. Ein guter Treffpunkt für eine Verabredung, wenn es nicht regnete; bei Regen die Sitzecke in der Buchabteilung des Kaufhauses.
Du findest dich selbst melancholisch auf dem Bild, wie du wartend durch die Gegend guckst. Früher glaubtest du an Essenzen, die auf Fotos eingefangen werden könnten. Heute weißt du, dass dein Warten ein Teil von dir ist, eingefangen von einer Kamera mit VGA-Auflösung.
Du warst immer zu früh. So, wie bei der Verabredung auf dem Bild auch. War dein immer Zu-Früh-Sein fehlendes Selbstbewusstsein? Oder eine Technik des Selbst, um kontemplative Momente zu erzwingen durch wartende Entschleunigung? Auf wen hattest du gewartet?
Durch die Fixed-Focus-Linse der Kamera, mit der ein Teil von dir beim Warten eingefangen wurde, ist das Bild überall gleich unscharf, milchig. Trotzdem findest du es gelungen. Das Foto passt zu deiner milchigen Erinnerung.
Ende des letzten Jahrtausends musste es sein. Du sahst jünger aus als jetzt. Wer machte das Bild? Du überlegst. Die Kamera, mit der das Bild gemacht wurde, verfügte über eine Auflösung von 640×480 Pixeln, VGA-Auflösung.
VGA=Video Graphics Array. Analoge VGA-Anschlüsse, auch bekannt als D-Sub, sind verschwunden, wurden Anfang des Jahrtausends durch digitale ersetzt. Das Bild mit den 640×480 Punkten gibt es noch. Du könntest es interpolieren und die Auflösung erhöhen. Displayfüllend anzeigen.
»Show Full-Screen.«
Du stellst eine Gleichung auf: dein Leben = in schwarzer Jacke am Hermannplatz beim tanzenden Paar + in Unterwäsche mit einer Unit an einem Tisch. Der übliche Werdegang? Outdoor-Paar-Warten-Erlebnis-Jugend plus Indoor-Tisch-Unit-Dia-Show-Alter?
Bilder von dir sind selten, und wenn du dich auch noch auf einem wiedererkennst, dann ist das was Besonderes. Der fotografierende Mensch ist nicht sichtbar. Wie auch? Aber er war dabei und sah dich so, wie du dich jetzt siehst, allerdings nicht in VGA-Auflösung, sondern durch einen optischen Sucher, klarer und schärfer. Wer war der Auslöser? Für das Bild, für dein melancholisches Warten?
Du schaust auf dich, wie du auf einem Bild in die Gegend blickst. Gleichzeitig dazu schaust du zurück in die Vergangenheit. Doch niemand guckt aus der Vergangenheit zu dir in die Zukunft. Oder doch?
In deinem Kopf dreht sich der Bild-Kopf seitlich, der Bild-Kopf guckt jetzt aus dem Foto heraus, dir ins Gesicht. Der Kopf sieht dich durch Zeit und Raum an, spricht zu dir.
»Na du! Was suchst du in der Vergangenheit? Du altes Sackgesicht? Biste doch noch in der Zukunft angekommen? Erinnerst du dich an Soylent Green, das Video, in dem die Alten zu grünen Keksen verarbeitet werden?«
»Halt die Fresse, Bild-Kopf. Ich kenne nicht nur Soylent Green, dessen Titel mit zwanzig-zwanzigzwei, die überleben wollen, übersetzt wurde und in dem C.H. mitspielt. Ich kenne auch den Streifen, in dem Menschen über dreißig abgemurkst werden, mit M.Y. und dabei ‘Erneuerung’ schreien. Der Titel fällt mir jetzt allerdings nicht ein.
Ist ja auch egal, von einem depressiven Typen in schwarzer Kleidung lasse ich mir jedenfalls nichts sagen. Guckst blöd auf den Hermannplatz, wartest rum. Lach’ mal lieber. Wir haben das Jahr zwanzig-vierzigacht, du bist der Alte hier, unter deiner jungen Haut, unter deiner Mütze. Soylent-Green-Kekse gibt es nicht, und wenn, würde ich nur die Bio-Version essen. ‘Erneuerung’ schreie ich auch nicht.«
Deine Gedanken atmen durch, bevor es weitergeht.
»Der Film mit M.Y. heißt übrigens Logan’s Run, und er ist darin ein Sandman, der abgelaufene Alte, über dreißigjährige, jagt. Dann trifft er Pussy und so weiter. Ins Deutsche mit Flucht ins zwanzig-dritte Jahrhundert übersetzt, kann also noch kommen.«
Du hast es ihm gezeigt. Stille. Der Kopf wendet sich von dir ab. Wieder guckt er in die Gegend, auf dem Hermannplatz bei dem tanzenden Paar stehend.
Was spielt das Alter für eine Rolle? Es gibt so viele Nummern auf der Welt und Menschen bestehen nicht aus Nummern, sondern aus Leben.
»Exit.«
Text-Version 1.2
