Du siehst: Ein Äffchen fliegt auf einer kleinen Wolke. Du hörst: wildes Trommel-Getöse. Das Äffchen hat einen Kampfstab. Mit seinem Kampfstab kämpft das Äffchen gegen eine angeblich göttliche Ordnung und deren Repräsentant, eine Schlange. Das Video besteht aus handgezeichneten animierten Einzelbildern. Das Video heißt: Der König der Affen. Havoc in Heaven auf Englisch. Da nao tian gong auf Mandarin.
Das Video ist weg. Eine blinkende Nachricht erklärt dir wieso: Offline Keine Dienste verfügbar. Du nimmst deine Video-Brille ab und ziehst die InEar-Speakers aus deinen Ohren. Der ganze Wagon der U-Bahn ist offline. Du siehst in Gesichter, die dir ins Gesicht schauen, als wären die dazugehörenden Menschen gerade aufgewacht. Das gegenseitige Anschauen bestätigt dir das gemeinsame Offline-Sein. Und du bestätigst den anderen Gesichtern: auch ihr seid offline.
Die Info-Werbe-Displays an den Wagon-Wänden und an der Decke zeigen gespeicherte Animationen. Du hörst einen realen Menschen eine synchrone Durchsage machen: nächster Halt Hermannplatz, next stop Hermannplatz. Gut, denn beim Videogucken hattest du nicht auf das BVG-Info-Widget geachtet.
Da nao tian gong ist eine prae-digitale Animation aus dem Jahr 1965. Sie basiert auf der Chinesischen Pilger-Mythologie Reise in den Westen aus dem späten 16. Jahrhundert, Ming Dynastie. Westen bedeutet in der Geschichte Indien.
Ein Charakter der Mythologie ist in Asien besonders bekannt: Sun Wukong, der König der Affen. In Europa kennen nur wenige den schlauen Affen, der mit den Göttern kämpft, tradierte Ordnungen infrage stellt und sich eigene Regeln macht. In Europa kennen Menschen Pippi Langstrumpf und ihren Kampfschrei: ‘Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.’ Das gefällt dir. Eine kleine Affen-Königin.
Auch nicht schlecht ist Conan: ‘Zeig mir deinen Gott und ich schlage ihm den Schädel ein’. Auch das gefällt dir. Aus einem Hall-of-Fame-Fantasy-Video hast du den Satz ‘That which does not kill us makes us stronger‘, ein Zitat von einem F. N. Noch ein Affen-König. Europa ist voll von kritischen Affen, Du musst nur richtig hingucken.
Affen-Könige und -Königinnen sind deine Vorbilder, weil sie auf Vorbilder und Götter pfeifen. Pilgerreisen gibt es jetzt kaum noch und deine Reise in den Westen, welche vor zehn Jahren begann, hatte andere Gründe.
Du erinnerst dich an deine Reise und dein Leben. In dem Jahr, in dem du geboren wurdest, gab es noch keine Reisefreiheit, nicht einmal virtuell. An deinem fünften Geburtstag sagte dein Vater, dass jetzt alles anders wird. Wurde es auch, über die nächsten zehn Jahre veränderten sich dein Leben und alles um dich herum.
Eine temporäre Regierung übernahm die Administration. Erst kam der Strom, dann die neue Schule und mit der Schule das Netz. Die Kranich-, Schwalben-, und Vom-Himmel-gekommenen-Mythen des alten Systems wurden durch aufgeklärte situierte Wissenschaften ersetzt. Die Denkmäler entlang der Straßen verschwanden.
Du sahst Menschen mit großen Rucksäcken durch das Land trekken. In deinem Ort eröffnete ein Hotel. Zum zehnten Geburtstag bekamst du eine Unit geschenkt, die du mit nachhause nehmen konntest, nur für dich.
Mit achtzehn Jahren meldetest du dich für das EU-Temporary-Work-Program an. Du wurdest einer Stadt mit dem Namen Berlin zugeteilt. Du last über Berlin. Wusstest dann, dass die Stadt eine Teilung hinter sich hatte, eine Mauer und eine Vereinigung. Berlin war die Hauptstadt des ehemaligen wiedervereinten Nationalstaates Deutschland und dann eine der der vielen Mega-Städte Europas.
Für die Strecke nach Berlin brauchtest du etwas über eine Woche. Einen Tag alleine bis Bejing. Langsam fuhr der Bus, der dich über die Grenze nach Baishan brachte, von da ging es per Zug nach Shenyang und dann mit einem anderen Zug nach Bejing, das viele Menschen noch Peking nannten, wenn du in Berlin ankommen würdest. Dich würden sie Frank nennen.
Eine Übernachtung in einem Hotel am Bahnhof von Bejing war für dich gebucht. Am nächsten Tag fuhrst du mit dem transkontinentalen Zug nach Berlin, via Karaganda, Samara, Moskau, Minsk und Warschau.
Du warst in einem Zug voll mit Menschen, die alle nach Europa reisten. Fünf Tage Zugfahren. Fünf Tage mit deiner Unit. Fünf Tage Texte lesen, Musik hören, Spiele spielen und Videos gucken , auch dein Lieblingsvideo, Da nao tian gong.
Es kann nicht mehr lange sein bis zum Hermannplatz. Zeit zum Aufstehen. Deine lange Reise ist lange her. Zum Glück war der Zug damals komfortabler als die U-Bahn der BVG heute.
Du gehst zur Tür, wo ein Junge und ein Mädchen bereits stehen. Beide sehen gesund und gut gekleidet aus. War deine Kindheit so wertvoll wie ihre? Du stellst dich hinter die beiden, wartest auf das Ankommen im U-Bahnhof, hältst dich an einer Stange fest.
Der Chinesische Affenkönig Sun Wukong tauchte auch als Japanischer Son Gokū in dem Videospiel Dragonball auf. Als Manga-Anime wurden die Dragonball-Abenteuer gezeichnet, verfilmt und spielbar gemacht.
Du spieltest das Videospiel Dragonball, als dein Zug durch die kasachische Steppe fuhr. Du hattest mehrere Ebenen gemeistert. Du musstest jetzt den Herrn der außerirdischen Schildkröten besiegen.
Das wurde dir zu blöd. Lieber wolltest du durch das Fenster nach draußen schauen, bevor es dunkel wurde. Und wenn es dunkel sein würde, würdest du den Text über den reichen Chinesen lesen, der es mit einem Französischen Mädchen treibt.
In dem Text gab es eine ähnliche, lange Reise wie deine, allerdings in umgekehrter Richtung, von Europa nach Asien, und per Schiff, anstatt von Asien nach Europa, mit dem Zug. Der Text gefiel dir besser als ein mit außerirdischen Schildkröten kämpfender Pseudo-Affen-König.
Diesen Son Goku mochtest du nicht. Ein Mensch mit Affenschwanz, der sich bei Vollmond in einen Wer-Affen verwandeln konnte, das war dir zu viel Schnick-Schnack und zu wenig Systemkritik. Typisch Japanisch.
Du bist Frank und du wirst den König der Affen ein anderes Mal fertig-gucken. Die U-Bahn fährt in die Station Hermannplatz ein. Du bist da.
Text-Version 1.0
