Der Raum ist dunkel. Die Diele unter deinem rechten Fuß quietscht.

Im Netz erklärten dir Mitglieder eines DIY-Handwerker-Forums das Leben und Arbeiten von Holzböden: Mit den Jahren können Dielen schwinden, sich durch Punktlast von darunter liegenden Balken, dem Unterbau, lösen. Dabei entstehen kleine Spalten und damit Platz für Bewegung und Reibung zwischen Brett und Nagelschaft oder Nut und Feder. Das Resultat: ein Holzboden, der an manchen Stellen quietscht.

Fachkundige Amateure im Forum, wie der User DiEiWei, gaben dir Lösungen gegen das Quietschen: zum Beispiel das Einreiben und Auftragen von Ölen oder das Unterspritzen mit Bio-Bauschaum. Der Neuaufbau des Holzbodens war dir zu teuer. Die DiEiWei’sche Lösung, die dir gefiel: schrauben.

Systematisch gingst du die Dielen ab, wipptest dabei, versuchtest dich schwer zu machen, hörtest aufmerksam hin, markiertest die Stellen mit Malerband. Mit der Bohrmaschine und einem Holz-Bit vorbohren und zum Schluss Dielen und Unterbau mit langen Spax-Schrauben fest zusammenziehen. Das funktionierte, stellte knarzenden Dielen für einige Jahre ruhig.

Dein letztes Schrauben ist einige Jahre her. Daran erinnert dich das quietschende Dielen-Miststück. Es ist das schmale Brett direkt vor dem Türrahmen, durch den du musst, um in das Badezimmer deines Ein-Raum-Appartments zu gelangen. Du gehst den Weg seit über 27 Jahren.

Das laute Ding erinnert dich auch daran, dass du lebst. Das Quietschen ist Bestandteil deines Seins. Du bist zuhause und es ist dunkel. Es muss morgens sein, denn du schläfst gut, meistens durch bis zum Morgen, du bist auf dem Weg zur Toilette, du musst. Deine Glieder und Gedanken sind steif vom Schlaf, doch langsam weicht dein müdes einem wachen Sein.

»Wake Up,« befiehlst du der Wohnung und wunderst dich, wieso dir deine Stimme heute Morgen fremd ist.

Leises Summen, die Rollläden fahren hoch. Lichtstrahlen dringen durch die Fenster in die Wohnung. Siebzigundfünf Prozent lassen die Scheiben durch, das ist genug für einen sonnigen Morgen im September. Die Solarzellen sind eingeschaltet und alle Akkus geladen. Das Schutzfeld gegen Strahlung von außen steht.

Grüne LEDs bestätigen dir: der niederfrequente Stromkreislauf und die Datenverbindung sind hergestellt. Du bist online.

Außer via deiner Firewall schaffen es keine Datenströme von draußen in die Wohnung. Hier in deiner Wohnung hat nichts eine Chance zu interferieren und umherzustrahlen. Rein und raus geht es nur via deinem Home-System.

Trotz des Verbots der Handys in den Zwanzigern und der Novellierung der Gesetze zur Regelung der Funkfrequenzen traust du keinem Braten mehr. Jeden Tag liest du was von Depressionen, Potenz- und Schlafstörungen.

Gleich wirst du deine Stimme wieder hören. Du sagst: »Music: Omega Man. Random Track,« Du wartest ein, zwei Sekunden. Das war deine Stimme. Dann erklingen Töne. Du kennst das Lied: On the tumbril. Es gibt so viel Musik auf der Welt und du bist nichts ohne Musik.

Die Musik zum Video The Omega Man stammt aus dem analogen Jahr neunzehnhundertsiebzigeins, deinem Geburtsjahr. Der gesamte Soundtrack besteht aus 18 Liedern, gespielt von einem Orchester, das dieselbe Titelmelodie immer wieder anders interpretiert. 18 Lieder lang. Das gleiche Thema immer wieder anders, so wie das menschliche Leben, dein Leben. Jeder Tag irgendwie gleich und doch ein bisschen anders.

Du nimmst deine rot-schwarz gestreifte Pyjama-Hose von dem Stuhl neben der Tür. Du ziehst die Hose an. Von draußen ist es nicht möglich durch die Fenster in die Wohnung zu gucken, aber heute Morgen unten-ohne ist dir zu wild. Unten-mit gehst du ins Badezimmer, während du den Omega-Man-Sound hörst, und weißt, dass du die Hose gleich wieder runterziehen musst, um im Sitzen zu pinkeln.

The Omega Man. Das Video und der Sound brannten sich früh in deinen Kopf. Du sahst ein geisterhaftes Los Angeles, leere Straßen und Skyscraper (gingst du schon in die Schule, als du das Video sahst?). Keine Autos und Menschen weit-und-breit.

Ein einziges Auto war unterwegs, ein großes Cabrio. Dann sahst du den Fahrer, einen Wissenschaftler, sein Name: Neville. Neville kämpfte gegen durch einen Bio-Krieg mutierte Nacht-Mutanten-Albinos. Tagsüber suchte er das Nest der Mutanten und besorgte sich Dinge in menschenleeren Kaufhäusern. Freie Wahl, ohne zu bezahlen, für den letzten und einzigen Bürger von Los Angeles.

Die Nacht-Mutanten hatten sich als die Family zu einer Sekte zusammengerottet und griffen Neville nachts mit Fackeln und Speeren in seiner Hochsicherheits-Wohnung an. Sie lehnten die technologisierte Moderne ab (von der digitalen Postmoderne wussten sie noch nichts). Ein bisschen wie die militanten Realos von heute.

»Guten Morgen Teoman, du geiler Bock,« grüßt du dein Spiegelbild über dem Waschbecken im Badezimmer. »Neuer Tag, neues Glück,« motivierst du dich. Was spielt die quietschende Diele schon für eine Rolle? Du schaust in den Spiegel, um dir dein Dasein zu bestätigen. OK, dein Kopf ist da.

Du neigst deinen Kopf nach vorne und unten, so, dass du im Spiegel nach unten gucken kannst. Deine rot-schwarz gestreifte Hose und das Waschbecken. Sehr gut. Bis zu den Füßen zu gucken klappt nicht, das Waschbecken ist im Weg. Es reicht auch so. Ein visueller Beweis. Du bist da, dein Körper und du sind im Badezimmer, einschließlich rot-schwarz gestreifter Hose. Runter damit und endlich hinsetzen.

Nachdem du fertig bist, gehst du zurück in das Zimmer und überlegst, ob du ein bisschen an dir spielen sollst, um deinen Kreislauf in Schwung zu bringen. Deine lebensbejahende Lust an der Lust ist noch da. Danach wärest du wach. Aber: vielleicht später.

Jetzt erst einmal Croissants aufbacken, Kaffee aufsetzen und an den Tisch. Du nimmst deine Lieblings-Unit, die noch neben deinem Futon-Bett liegt. Bis der Kaffee und die Croissants fertig sind, willst du schon mal schauen, was der neue Tag so bringt. Deine Lieblings-Unit ist ein Din-A4 Modell. Zwei Din-A4-Seiten, wenn aufgeklappt. Es erinnert dich an Printausgaben von Magazinen aus der Papier-Zeit.

Das Aufheben erweckt die Unit aus dem S4 Ruhezustand, aber anstatt des Welcome-Screens begrüßt dich der Text, den du gestern Abend im Bett gelesen hast und bei dem du eingeschlafen bist. Wieder liest du die Stelle, bei der du nur kurz die Augen zumachen wolltest und sie danach nicht wieder aufgemacht hast.

Da hat’s einen Krieg gegeben, den Golfkrieg, jetzt ist er vorbei, oder vielleicht auch nicht. Der Irak hat das Nachbarland Kuweit überfallen, da sind die westlichen Staaten eingeschritten. Erinnerst du dich nicht?“ (Umberto Ecco, Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana)

Nach zehn Minuten Inaktivität war auch die Wohnung im Schlafmodus. Passend zum Einschlafen dimmte dein Home-System das Licht, so wie der Schlaf deine Erinnerungen. Erinnerst du dich?

Die Bialetti-Cafetiera auf dem Solar-Ceranfeld brodelt, macht einen Espresso bei zu hoher Temperatur, sodass der Espresso keine Crema hat. Auf dem Kochfeld nebenan wird Sojamilch heiß. Bio-Fairtrade-Kaffee trinkend erinnerst du dich wieder, diesmal ohne einzuschlafen.

In einem weltmeisterlich-euphorischen, nicht mehr westdeutschen Deutschland, brülltest du zusammen mit anderen Gymnasiasten auf einer Demo Kein-Krieg-für-Öl. Du wohntest als pubertierender Jung-Mann noch bei den Eltern und mit einer Schwester. Nach dem Politikmachen musstest du nachhause. Du erinnerst dich an das gemeinsame Zimmer, das du mit deiner Schwester teiltest.

Ein Kinderzimmer, ein großer kieferner Kleiderschrank mit Schiebetüren, ein Schrankelement mit integriertem Schreibtisch. Hier machtest du deine Hausaufgaben, als du sie noch machtest. Deine Schwester machte ihre im Wohnzimmer oder der Küche. Gegenüber zwei Betten. Deines zuerst.

Beim zweiten Kein-Krieg-für-Öl-Aufschrei Anfang dieses Jahrtausends brülltest du nicht mehr mit und wohntest nicht mehr bei den Eltern, du hattest ein eigenes Zimmer ohne Schränke.

Und zwischen den beiden Kein-Krieg-Für-Öl Kriegen? Da warst du unterwegs. Du trafst anders- und gleichgeschlechtliche Menschen, knüpftest reale Freundschaften, wie deine Großmutter Teppiche, bevor es virtuelle Social-Networks gab. Aber nicht auf einem fliegenden Teppich flogst du in andere Länder, sondern mit ISIC-Ermäßigung, bevor es Billig-Airlines gab und lange bevor diese wieder verschwanden. Du wohntest in WG’s, teiltest dir Küche und Bad, aber hattest immer ein eigenes Zimmer, nur für dich.

Ein Schluck Sojamilch-Kaffee und ein Biss in das Vollkorncroissant. Auf dem Display ist immer noch die Kein-Krieg-Für-Öl-Erinnerungs-Text-Passage.

Noch ein Schluck. Kaffee fällt nicht vom Himmel. Genauso wenig, wie du hierhin gefallen bist, auf diesen Stuhl, an diesen Tisch. Du versuchst, die Genealogie deines Hierseins zu konstruieren.

Als es noch Videotheken gab, gingst du in eine, um dir ein Video auszuleihen. Zufällig fandest du einen Film, der in Berlin spielte. War das Aussuchen und Finden eines Films in einer Videothek Zufall?

Videotheken gibt es nicht mehr, aber der Titel der Video-Kassette, die du damals aussuchtest, fällt dir zu deinem Hiersein ein: Lola und Billidikid. Ist es schlimm, dass dir nicht mehr einfällt? Nein, du bist stolz, dass du dir treu geblieben bist, dass du dir nicht hast reinreden lassen in dein Leben. Keine Karriere bestimmte deinen Werdegang, deine Biographie, dein Hiersein. Bereits damals suchtest du keinen Lebenssinn in einer Erwerbstätigkeit. Nein, ein fast zufällig ausgesuchtes Video ist alles, was dir einfällt: Lola und Billidikid.

Berlin. Eine Wohnung suchen. Du fandest eine in der Nähe vom Hermannplatz, näher an Kreuzberg konntest du es dir nicht leisten. Zufall?

Der Sojamilchkaffee ist dreiviertel leer. Du schaust in das Glas, als wolltest du in dem einen Viertel Flüssigkeit deine Zukunft lesen. Dein nächster Blick geht zum Fenster. Zwanzigfünf Prozent des Sonnenlichts lässt das Home-System nicht in die Wohnung. Kaum vorstellbar, dass die Sonne zu viel scheint. Du hast Zeiten erlebt, in denen wurde jeder Sonnenstrahl in Berlin mit Grillorgien gefeiert.

Es ist zu wenig Sojamilch-Kaffee im Glas, um die letzten Bissen vom Croissant runterzuspülen. Du setzt eine kleine Portion Sojamilch auf und verdünnst den Rest im Glas. Wie würde dein Leben schmecken, wenn du es wieder auffüllen könntest?

Du bestreichst das restliche Vollkorncroissant mit einer dicken Schicht Nougatcreme, schälst eine Banane, schneidest sie in breite Scheiben und legst sie auf die Nougatschicht. Du beißt rein.

Weg jetzt mit der Kein-Krieg-Für-Öl-Erinnerung. Wieder wirst du deine Stimmte hören. Du rufst die Startseite deiner Unit auf: »Show: Home Screen.«

Na endlich, so beginnt ein ordentlicher Tag. Der Welcome-Screen fasst den Kontext deines Lebens zusammen: Ort, Wetter. Zeit. To-Do-List. Eine Voice-Message von deiner Schwester ist in der Inbox. Dein Lifestream für den heutigen Tag beginnt mit ihrer Stimme.

»Hallo Teoman-moruk,« hörst du, während du ihr Bild auf dem Display der Unit betrachtest. »Heute Abend zwanzig Uhr synchrone Kommunikation? Deine Nichten würden sich freuen, dich mal wieder beim Video-Chat zu sehen. Sag’ kurz bescheid, ob es bei dir klappt. Bis dann.«

Die Nachricht ist von heute, acht Uhr vierzigdrei. Sie steht immer noch so früh auf, wie früher. Zum Glück hat sie jetzt ihre Kinder und ihren Mann, die sie morgens nerven kann. Und zum Glück hast du immer noch dein eigenes Zimmer.

Das vorige Jahrtausend: Irgendwo in Westdeutschland, den Ort Schewenborn gab es noch nicht, stand in einem Wohnzimmer ein Farbfernseher ohne Fernbedienung, saurer Regen prasselte an das Fenster, während drogensüchtige Kinder am Bahnhof Zoo anschafften.

Als Gastarbeiterjunge liefst du barfuß und in einem braunen Frottee-Kinder-Schlafanzug über einen dicken, weichen Wohnzimmerteppich. Du drücktest den laut klickenden Ein/Aus-Knopf eines großen Röhrenbild-Fernsehers, bevor du dich auf ein rot-schwarzes Sitzkissen setztest.

Du warst zu früh dran, deshalb sahst du das Testbild der analogen Ausstrahlung. Farbige Balken, graue Felder in einem Kreis vor einem schwarzen Hintergrund mit weißem Gitter, dazu ein hoher, pfeifender Ton. Die geometrischen Formen, der Graukeil und die Unbuntfelder des Testbildes waren die ersten Lebenszeichen, die das Wiedererwachen nach der nächtlichen Sendepause ankündigten.

Das gemeinschaftliche Vormittagsprogramm von ARD und ZDF fing an. Wiederholungen vom Vortag wurden ausgestrahlt. Sport vom Freitag, Nachrichten von Gestern, Drehscheiben, Auslandjournale, Hier und Heutes, Tageschauen und Themen, Weltspiegel, Presseschauen.

Fachmänner erklärten, dass die Wälder starben, und gaben die aktuelle Zahl der Drogentoten für das laufende Jahr bekannt. Die Bedeutung von Overkill wurde anschaulich gemacht. Indem sich auf einer zweifarbigen abstrakten Landkarte Pershing II links und rechts SS 20 Raketen gegenüberstanden. Es folgte die Programm-Vorschau für die nächste Woche, kommentiert und mit Ausschnitten.

Dann war es soweit. Du riefst deine Schwester: «Ilknur, cabuk.«. Captain Future und seine Kollegen Grag, der Roboter, Otto, der Androide, und Professor Wright, das lebende Gehirn, sausten auf ihrem Raumschiff, der Comet, durch das Universum. Den Namen des Hundes, der auf der Comet mitflog, konntest du dir nicht merken.

Zusammen mit deiner Schwester im elterlichen Wohnzimmer, sie vom Sofa, du vom rot-schwarzen Sitzkissen aus, schautest du gebannt auf die Kiste. Die Abenteuer der Comet-Crew um Captain Future waren anstrengend und machten euch hungrig. Eure Mutter fragte, was ihr gerne essen wolltet. Deine Schwester antwortete für euch beide. Ilknur, die kleine Prinzessin. Und sonntags gucktet ihr Unsere kleine Farm anstatt Die Rebellen vom Liang Shan Po.

Deine Finger tippen auf dem virtuellen Keyboard der Unit, die neben dem Café-Glas auf den Tisch liegt: 20h? geht klar. öpücük, t

Text-Version 1.2

Hermannplatz 2048

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>