Warschauerstraße – Hermannplatz

Die Straßenbahn fährt an. 30 Tonnen Technik bewegen sich. Du setzt dich nicht hin. Du kennst die Strecke und freust dich auf das Stück, wenn die Bahn die Spree überquert; die weite Sicht mit der morgendlichen Sonne im Rücken.

»Hallo Sara« grüßen dich zwei Mädchen. Ihren Gesichtern kannst du keine Namen zuordnen. Doch sie kommen dir bekannt vor; Campus-Familie.

»Hi. Die beiden Mädchen suchen sich Sitzplätze. Du bleibst stehen. Es geht leicht bergab von der HaltestelleWarschauer Straße zur Spree, wo die Bahn einen Halt hat, bevor es auf die Oberbaumbrücke geht.

Du siehst links das May-Ayim-Ufer auf der Kreuzberger Seite, mittig die Brommybrücke und rechts die Festival-Halle auf Friedrichshainer Seite. Auf der anderen Seite angekommen fährt die Straßenbahn unter der U-Bahn-Trasse hindurch in die Falckensteinstraße. Der erste Halt in Kreuzberg.

Einige Radfahrende können mit der Geschwindigkeit der Bahn mithalten. Andere werden überholt. Du denkst über die Helme nach, die die Radfahrenden tragen. Das Modell mit Schottenmuster gefällt dir. Weniger gut findest die runden schwarzen, die dich an Reiterhelme und herrisches Dressurreiten erinnern. Du reflektierst über deine Gedanken zur Helm-Mode und fragst dich, ob du eine weibliche Sichtweise auf die Welt hast.

Du warst geschlechtsreif, deinen ersten Sex hattest du hinter dir, als du mit Kai irgendwo in Asien in einem langsamen Bus auf Reise warst. Eure Rucksäcke musstet ihr auf das Dach legen, sonst hättet ihr mehr zahlen müssen. Platz gleich Geld. Kai verhandelte das Fahrgeld. Er konnte das gut und es wurde von ihm erwartet, von anderen männlichen Menschen, und eigentlich von allen. Auch von dir? Mann verhandelte. Du gucktest zu.

Während dieser langen und langsamen Busfahrten damals ist dir deine – andere – Sichtweise der Welt bewusstgeworden. Du beobachtetest die Menschen, Kai guckte nach Strommasten, Leitungen, Satellitenschüsseln und versuchte eure Position auf der Landkarte zu bestimmen. Kai und seine Landkarten. Aber süß war er schon, und wie er dich Sarita nannte. Er kümmerte sich auch um die Technik, als ihr noch zusammenwohntet.

Die Bahn fährt weiter durch die Falckensteinstraße. Nach der weiten Sicht über die Spree und in die Vergangenheit holt dich die Falckensteinstraße zurück ins urbane Leben der Jetztzeit. Dicht an Radfahrenden rollt die Bahn leise an den gepflegten Altbauten vorbei. Im Winter können die Bahnfahrenden hier in die Hochparterrewohnungen reingucken. Im Sommer wuchert wildes Grün an den Fassaden und auf dem ehemaligen Parkstreifen für Autos. Die Gewächse geben dem Abschnitt eine Dschungel-Atmosphäre. Die Bahn kreuzt die Wrangelstraße.

»Was haltet ihr von dem Video?«
Keine Antwort. Du sprachst Aabye an.
»Ja was soll ich schon davon halten, wenn zwei Frauen zusammenleben und Kinder haben wollen, soll’n se doch machen.«
Du nicktest zustimmend.
»Und du Octay? Was sagst du zur gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft und den Wunsch der Partnerinnen, Kinder zu haben?«

Du mochtest Octay und mit deinen Gefühlen für ihn war auch deine Erwartung an ihn gewachsen. Ob er das spürte? War sein Still-Sein ein Zeichen? Wofür? Dass er ohne Geschwister und alleine mit einem männlichen Erziehungsberechtigten lebte, wusstest du. Wie er die Welt sah, mit seinen Augen, wusstest du nicht. Er blieb still.

Du sprachst Filiz an. Für ihren mündlichen Beitrag vergabst du ein Nicken. Es folgte Sabrina. Ihr Beitrag entlockte dir sogar ein: »gut.« Sabrina hob das Recht und die Wünsche der Frauen hervor, welche in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft lebten, und wies auf die Verantwortung der Gesellschaft hinsichtlich der Erziehung von Kindern hin. Bravo.

»Kann ja auch interessant sein, als Hetero-Sohn bei zwei heißen weiblichen Erziehungsberechtigten aufzuwachsen.« Lachend stimmte Haiko Aabye zu. Du lächeltest mit. Aber kein Gut und auch kein Nicken. Schließlich hatte Aabye indirekt ‘kalte’ Erziehungsberechtigte diskriminiert.

Die kleinen Menschen wussten nicht, was sie mit Sprache taten; wussten nicht, dass in dem Moment, in dem es ‘heiße’ Erziehungsberechtigte gibt, es auch ‘kalte’ gibt, und dass in der thermischen Konnotation von heiß/kalt Diskriminierung mitschwingt. Diese Feinheit würden sie später lernen.

Nach dem Gelächter dann Michelle. Von dir ein anerkennendes und motivierendes Gut. Das Nicken hattest du dir verkniffen. Du nicktest zu viel und befürchtetest inflationäres Nicken, welches dich in eine spleenige Person verwandeln würde. Ein Tick, der dir einen Nicknamen einbringen könnte. Die nickende Sara. Das wolltest du nicht. Die Diskussion war gut verlaufen.

Bis auf Octay hatten sich alle beteiligt. Nachdem du die Units wieder freigegeben hattest, schauten alle auf ihre Displays. Außer Octay, seine Augen blieben auf dir haften, als wenn er ein fremdes Wesen studieren würde.

Du magst die Haltestelle Görlitzer Park. Die Strecke durch den Park hat Panorama-Charakter. Viel saftiges Grün. Die Strecke erinnert dich an sonntägliche Familienausflüge in den Britzer Garten und die Fahrten mit der Garten-Bahn, früher.

Langsam durchquert die Bahn den Park und kommt beim Queren des Hauptweges fast zum Stehen. Eine Person nimmt ein kleines Kind an die Hand. Ein Pärchen stoppt, Shared Space, Blickkontakt zwischen allen am Verkehr teilnehmenden, keine Ampeln oder Schranken, dafür im Schritttempo.

Auf der anderen Seite geht es heraus aus dem Park. Über die Wiener- in die Glogauer Straße. Haltestelle Glogauer/Reichenberger. Es folgt das letzte Highlight deiner Fahrt: die Thielenbrücke und die Landwehrkanal-Promenade.

Nach der Brücke ändert die Glogauer Straße ihren Namen. Dieselbe Straße heißt dann Pannierstraße. Dann bist du am Ziel. Haltestelle Pannierstraße/Pflügerstraße, Campus Rütli. Du steigst aus. Leise rauscht die Straßenbahn davon. Sie wird rechts von der Pannierstraße auf die Sonnenallee abbiegen, bevor sie am Hermannplatz ankommen wird.

Text-Version 0.6

Hermannplatz 2048

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