Mission glücklich sein: Die Weisheiten der Weserstraße

Mit Mascota Ecke-Hobrecht-Weserstraße. Hier habe ich vor einigen Jahren ein suhrkamp-taschenbuch-wissenschaft gefunden. Derrida, Jacques: Die Schrift und die Differenz. Nicht schlecht, dachte ich.

Ich kann mich nicht erinnern das Büchlein dann gelesen zu haben. Aber so ein Derrida macht sich auch gut im Regal.

Beinahe hätte ich Herrn Derrida sogar live gesehen, wäre ich nicht so geizig gewesen. Wofür sollte ich bezahlen? Fürs Dabei-Sein? Dafür, dass ich Ich werde durch ihn?

Nein, die Selbst-Findung durch andere ist nicht mein Ding. Umsonst-Bücher schon.

Jetzt ist Derrida tot. Ob er bereut hat, das Buch geschrieben zu haben? Los Mascota. Weiter. Ein Wesen wünscht mir Good-Luck.

Irgendwie ist die Weserstraße heute anders. Wir sind beim Second-Hand-Buchladen auf der Weser angekommen. Zwischen Reuter und Friedel. Ich gucke auf den Tisch mit den ausgelegten Bücher-Highlights.

Das habe ich gelesen, oder?

Ein kleines Mädchen wird von Außerirdischen gejagt. Sie lebt mit ihrem Bruder in einem dieser silbernen US-typischen Trailer-Wohnwagen. Sie hat eine Schiene am Bein. Ihr Nick-Name ist Klonk. Oder Klonker? Weil die Schiene klonkhafte Geräusche beim Gehen macht.

Das Buch habe ich nicht mehr. Dafür hat’s der Second-Hand-Buch-Laden. Auf dem Tisch ist es, an die Häuserwand angelehnt.

An mehr Handlung kann ich mich nicht erinnern. Dafür daran, dass inmitten der Action mit Außerirdischen und dem Geklonker ihrer Bein-Schiene eine Lebensweisheit stand. In etwa so:

Der Sinn des Lebens ist es nicht geliebt zu werden, sondern zu lieben.

Macht das Sinn? Ich schaue zu Mascota. Nur ihr Schwanz ragt unter dem Tisch hervor. Sie ist an den aufregenden Duftnoten anderer HündInnen interessiert.

Da liegt noch ein Buch, das ich kenne. Von dem Betty-Blue-Schriftsteller-Typen. Lange her, dass ich’s gelesen habe. Pubertät. Darin:

Es ist leichter auf Sex zu verzichten, als auf Alkohol.

Und Mascota? Klar. So eine Weisheit gilt auch für sie. Anstatt Alkohol  aber Vita-Cane.

Doch damit nicht genug. Obwohl schon eine Menge Weisheit für ein Buch, gab’s noch eine Zugabe:

Es gibt Wichtigeres zu tun, als Bücher zu schreiben.

Und wenn das ein Schriftsteller sagt, dann sagt das schon was.

Immer mehr. Produzieren, schaffen, anhäufen. „Führt dieses immer mehr zu einem besseren Leben?- Alternativen gesucht….“ Auf der Weserstraße?

„Wie wird vermittelt, dass Arbeitsverzicht notwendig ist?“

Mascota hat ausgeschnüffelt. Sie will weiter. Es gibt noch viel zu schnüffeln auf der Weserstraße und die Weisheiten interessieren sie nicht besonders. Ihr Glück.

Am unteren Ende der Weserstraße, einige Jahre her, nähe Ecke Thiemannstraße. Selbstpräsentation für arbeitssuchende Akademiker. Von der Agentur für Arbeit Berlin Süd organisiert. War ne nette Veranstaltung. Leider durfte Mascota nicht mit.

Realistische Zielfindung. Wo möchten Sie hin? Wieso möchten Sie denn nur Teilzeit arbeiten?

„Eine radikale Arbeitszeitverkürzung ist ein zentrales Projekt auf dem Weg zu einer solidarischen Postwachstumsökonomie.“

Wusste ich damals so nicht. Hätte ich nicht so formulieren können. Gefühlt habe ich es aber schon. Dass ich da was richtig mache.

Jetzt weiß ich, was heute anders ist auf der Weser. Die Weserstaße ist geteert. Das Kopfsteinpflaster ist weg. Veränderung ist passiert. Die Radfahrenden radeln auf der Straße. Das werde ich ab jetzt auch machen, das nächste Mal radele ich radikal auf der Straße.

Bin ich ein solidarischer Postwachstumsökonom?

Mascota wird immer ungeduldiger. Ihre bettelnden Augen drängen mich dazu, weiter zu gehen. Der Reuterplatz muss noch abgeschnüffelt werden. Du kannst denselben Reuterplatz nur einmal riechen.

Ich werde ein neues Graffiti an der Haustür sehen, wenn wir zuhause ankommen. Hoffentlich kann es nicht entfernt werden:

Mission: glücklich sein

‘Jenseits des Wachstums’ – Kongress 20.-22.Mai 2011, TU Berlin. Zitate sind aus dem Artikel  zu dem Kongress ‘Auch ein Beenden ist möglich’ – in der taz v. 23. Mai 2011.

 

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